Die Unruhe in meinem Leben verursachen unter anderem meine beiden Kinder: Jonathan, sechs Jahre, Erstklässler, Fußballfreak, wissensdurstig und in ständiger Kommunikationsbereitschaft und Frederike, drei Jahre, endlich im Kindergarten, ein Ausbund an Bewegungs- und Lebensfreude, willensstärker als der gesamte Rest der Familie und nur fünf Minuten vor dem Einschlafen harmoniebedürftig.

Dann sind da noch der Haushalt, der Garten und mein Mann, der täglich sein frisch gebügeltes Hemd und glutenfreies Essen braucht und dementsprechend bekocht und bebacken wird. Und meine Vorliebe für Gemeindearbeit, mein Bedürfnis, mich regelmäßig für neue Projekte zu begeistern und ihre Umsetzung voranzutreiben. Ich organisiere Fußballturniere, engagiere mich im Elternbeirat und mache mich gerade beruflich selbstständig. Das wäre so der grobe Überblick.

Wenn ich morgens aufstehe, mich und den Frühstückstisch startklar mache, ist alles noch sehr ruhig im Haus. Dann kommen die hektischsten eineinhalb Stunden des Tages. Ich wecke die Kinder und das Spielen, Lachen, Streiten, Anziehen, Frühstücken, Fußballkicken, Weinen, Trösten und Doch-noch-rechtzeitig- das-Haus-Verlassen beginnt. Oft genug habe ich Mühe, wenn ich vom Kindergarten zurückgekehrt bin, in eine ruhigere Gangart zurückzuschalten.

Nicht in der richtigen Verfassung


Ich bin ein Morgenmensch. Oft kann ich am Vormittag in einer Stunde schaffen, was ich an keinem Nachmittag zu Wege bringe, und das liegt nicht nur daran, dass die Kinder nicht da sind. Ich habe einfach viel Energie morgens. Und fühle mich nicht in der richtigen Verfassung, um mich hinzusetzen und zu beten, auch wenn es still um mich herum geworden ist und ich das genieße.

Ich habe die überwiegende Zeit meines Mutter-Daseins damit gehadert, dass ich an meine Stille- und Gebetsgewohnheiten aus meiner langjährigen Singlezeit nicht mehr anknüpfen kann. Alles ist so viel weniger geworden: das Beten, Lesen, Schreiben. Ich habe es vermisst, mich oft im Stillen verurteilt, weil ich das Gefühl habe, Gott kaum Raum zu geben in meinem Leben, auch wenn ich mein Leben liebe, wie es ist. Nun bin ich seit sechs Jahren wieder in der erfreulichen Situation, an fünf Vormittagen meine Arbeit frei einteilen zu können, ohne ständig unterbrochen zu werden und dennoch ist damit nicht alles gleich einfach geworden. Denn was mich früher leicht zu Gott geführt hat, scheint nicht mehr zu passen.

Rettungsanker

Vor einiger Zeit habe ich mir einen Vortrag angehört von Bill Hybels, dem leitenden Pastor der Willow Creek Gemeinde in Chicago. Darin spricht er darüber, dass er sich beim Beten nur konzentrieren kann, wenn er seine Gebete aufschreibt. Und genau damit habe ich auch begonnen. Das Schreiben ist wie ein Rettungsanker für meine fliehenden Gedanken und meine unruhigen Hände geworden. Nun bete ich in mein Tagebuch hinein und bin oft beglückt und erstaunt zugleich, wie ich durch kleine, einfache Dinge feststelle: Gott ist da und freut sich, dass ich auch da bin.

Dann mache ich meine Arbeit, meinen Haushalt, Gemeindearbeit, was auch immer ansteht. Ich koche, hole die Kinder ab, esse mit ihnen, höre zu, helfe bei den Hausaufgaben … Nach dem Taxi-, Spiel- und Spaßprogramm kommt das Abendessen, mit Fütterung meiner Tochter, die natürlich eigentlich alt genug ist, allein zu essen – aber das ist ja hier nicht das Thema. Waschen, Zähne putzen, ab ins Bett, Geschichten lesen, beten, Schlaflieder singen in zweifacher Ausführung. Die Energie des Tages ist erschöpft.

Ich könnte schlafen, auch ohne Schlaflied und Geschichte. Dennoch: Bevor ich ein schlafe, lese ich ein Buch. Eins, das mich berühren soll oder kann, weil es gerade zu dem Thema meines Lebens passt. Und ich hoffe dadurch mit den tieferen Schichten meines Herzens wieder in Kontakt zu kommen. Denn oft genug haben mich die Geschehnisse des Tages, die Begegnungen, die Worte bewegt und Gefühle ausgelöst und gleichzeitig ist die Müdigkeit groß und überlagert alles in mir. Das Buch, das mich gerade sehr bewegt ist „Jesus“ von Henri Nouwen. Es hat sehr kurze Kapitel und manchmal reichen mir schon drei Sätze, um mich aus der Dämmerung holen. Es lässt mich entdecken, wer Jesus für mich ist. Egal, wie der Tag war. Es lässt mich staunen und danken für diesen Gott, der sich entschieden hat zu kommen, um mir zu sagen: „Ich liebe dich mit immerwährender Liebe.“ Es geht ums „Sein“, nicht ums „Tun“. Und ich denke: Ja, das will ich. Da will ich hin. So will ich werden. Und plötzlich spüre ich ein „Stopp!“ in mir. Nicht wieder suchen, sehnen, laufen, tun. Einfach bleiben. Das Einzige, was zu tun ist, ist wahrzunehmen, dass Gott da ist und sich freut, dass ich auch da bin.

Stille Zeiten im Familienalltag – Praxistipps

• Ohren auf: Beim Stillen, Putzen, Autofahren oder Kinderwagenschieben kann man Hörbibeln, Predigten oder Podcasts hören.

• Für den kleinen Impuls zwischendurch: die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine gibt es nicht nur als Buch, sondern auch fürs Handy, den Computer oder bei Facebook (losungen.de).

• Jeden Tag in der Bibel lesen: ein hohes Ziel, das sich nicht immer verwirklichen lässt. Oft klappt es besser mit einer ausführlichen Bibelund Gebetszeit einmal oder zweimal pro Woche – am besten einen „Termin“ festlegen.

• Nicht allein: Wie wäre es, ab und zu ein Gebetsfrühstück mit andern Baby müttern oder -vätern zu veranstalten? Frühstück plus eine wie auch immer gestaltete Gebetszeit.

• Gelegenheiten nutzen: Allein auf dem Spielplatz? Babys Mittagsschlaf verlängert sich? Die Autobahn ist gesperrt? – Zeitfenster für ein Gespräch mit Gott.

• Auszeiten: ein Stille-Wochenende, ein Gebets- oder Hauskreisabend, eine Familienfreizeit mit Angeboten für Groß und Klein …

Antje Vajen ist Handwebmeisterin und entwirft Stolen für Pasto ren, Gebets- und Wandbilder (stueckwerke.de). Mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern lebt sie in Barmstedt.